Eierlikör zur Beruhigung von Hunden und Katzen – ein gut gemeinter Irrtum
Ich möchte heute über ein Thema sprechen, das uns Fellnasen jedes Jahr aufs Neue betrifft – und das leider noch immer missverstanden wird. Immer wieder wird angenommen, dass Eierlikör oder anderer Alkohol uns an Silvester beruhigen könne. Doch eines ist ganz klar: Es gibt keinerlei wissenschaftliche Belege dafür, dass Alkohol Angst oder Panik bei Hunden oder Katzen lindert.
Diese Annahme entsteht vermutlich aus menschlicher Erfahrung. Manche Menschen werden durch Alkohol müde, andere wirken mutiger oder gelassener. Auf uns jedoch lässt sich das nicht übertragen. Unser Körper funktioniert anders – und genau hier beginnt das Problem.
Wir verstoffwechseln Alkohol nicht wie ihr. Schon kleinste Mengen überfordern unsere Leber. Sie ist dann nahezu ausschließlich damit beschäftigt, den Alkohol abzubauen, während ihre eigentlichen lebenswichtigen Aufgaben vernachlässigt werden müssen. Unser Stoffwechsel gerät unter enormen Stress – besonders bei kleinen, alten oder kranken Tieren kann das ernsthafte Folgen haben.
Jede Gabe von Alkohol – auch Eierlikör – geht auf Kosten unserer Organgesundheit und kann unter anderem folgende Nebenwirkungen verursachen:
- Kreislaufprobleme
- Innere Unruhe
- Verstärkte Angst, etwa durch körperliches Unwohlsein
- Erbrechen
- Starkes Unwohlsein bis hin zu Übelkeit
- Koordinationsstörungen
- Schnelle Vergiftungserscheinungen, insbesondere bei kleinen Tieren
Was dabei oft übersehen wird: Alkohol nimmt uns nicht die Angst. Er überdeckt sie lediglich. Die lauten Knaller hören wir trotzdem. Die Bedrohung empfinden wir weiterhin. Häufig ziehen wir uns zurück, liegen reglos da oder wirken „ruhig“, weil uns übel ist oder uns schwindelig wird. Genau das vermittelt unseren Menschen ein trügerisches Gefühl von Sicherheit – dabei können wir unsere Angst einfach nur schlechter zeigen.
Eierlikör ist kein Beruhigungsmittel. Und er sollte niemals als Lösung für unsere Angst an Silvester betrachtet werden.
Wenn ihr wisst, dass wir Angst vor Feuerwerk haben, dann sprecht bitte frühzeitig mit eurem Tierarzt über geeignete Alternativen. Es gibt schonende und sinnvolle Möglichkeiten, uns zu unterstützen. Außerdem könnt ihr beginnen, uns behutsam an die Geräusche zu gewöhnen. Ja, das braucht Zeit – aber ihr habt ein ganzes Jahr Zeit dafür.
Tammy’s Tipp:
Um uns behutsam an Silvester zu gewöhnen, braucht ihr nichts weiter als Silvestergeräusche und gute Lautsprecher. Feuerwerksgeräusche und passende Videos findet ihr zum Beispiel auf YouTube. Sie können ein wertvolles Werkzeug sein – wenn ihr sie achtsam einsetzt.
So begleitet ihr uns Schritt für Schritt:
- Leise beginnen – in Momenten, in denen wir uns sicher fühlen
Startet damit, uns in angenehmen Situationen sanft mit den Geräuschen zu umgeben. Während wir fressen, bei euch auf dem Sofa liegen oder wir kuscheln, lasst die Feuerwerksgeräusche ganz leise im Hintergrund laufen. Beobachtet uns nur beiläufig. Wir sollten entspannt bleiben und ungestört weitermachen mit dem, was wir gerade tun. Bitte widersteht dem Impuls, uns ständig anzusehen oder zu kontrollieren. Eure Ruhe ist unser Signal. Wenn ihr euch verhaltet, als wäre alles ganz normal, fällt es uns leichter, euch zu glauben. - Langsam steigern – ohne unsere Grenzen zu übergehen
Mit der Zeit könnt ihr die Geräusche in immer mehr Alltagssituationen einbauen und die Lautstärke vorsichtig erhöhen. Entscheidend ist, dass wir uns weiterhin sicher fühlen.
Bei meinen Hundefreunden ist es wichtig, die Geräusche an wechselnden Orten abzuspielen. Hunde verknüpfen Geräusche stark mit ihrer Umgebung. Für uns Katzen reicht das Training in unserem eigenen Revier. Freigänger unter uns sollten jedoch aus Sicherheitsgründen zwei bis drei Tage vor und nach Silvester lieber im Haus bleiben. Die weite Welt da draußen ist dann einfach zu unberechenbar. - Ein weiterer Schritt für Hunde – draußen, aber gut begleitet
Für Hunde geht das Training noch weiter und hier könnte z.B. ein Autoradio hilfreich sein. In einem nächsten Schritt könnt ihr mit eurer Fellnase einen ruhigen, verlassenen Parkplatz aufsuchen. Lasst die Autotüren offen und spielt dort erneut die Feuerwerksgeräusche ab. Spielt mit eurer angeleinten(!) Fellnase, übt einfache Kommandos, gönnt euch zwischendurch Ruhepausen – während die Geräusche weiterlaufen. Auch hier darf die Lautstärke langsam gesteigert werden, bis selbst laute Geräusche keine Stressreaktionen mehr auslösen. Übt an verschiedenen Orten, damit der Lärm nicht mit einem bestimmten Platz verknüpft wird.
Ein letzter Gedanke von mir:
Wir können lernen, mit eurer lauten Welt umzugehen. Aber nur, wenn ihr uns Zeit gebt, uns ernst nehmt und bereit seid, Verantwortung zu übernehmen. Vertrauen entsteht nicht durch Worte – sondern durch euer Handeln.
© Canva Pro, Rimma_Bondarenko, Getty Images – Tammy erklärt

