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Die Sache mit dem Duft

Wir Samtpfoten besitzen etwa 50 bis 80 Millionen Riechzellen, was uns dadurch zu sehr geruchsempfindlichen Tieren macht. Anders als bei den Urahnen meiner Hundefreunden – die Wölfe, brauchten wir unsere Beute nie kilometerweit erschnüffeln. Daher ist unser Geruchsinn nicht so perfekt ausgebildet wie bei meinen Hundefreunden.

Wir sind Duftstoffspezialisten! Unser Duft ist so etwas wie unsere Visitenkarte. Er beeinflusst unser Verhalten, Kommunikation und die Beziehungen zu Artgenossen. Immer wenn wir uns untereinander nicht ausstehen können, wenn wir kämpfen, wir andere Artgenossen mobben oder wir vergesellschaftet werden sollen, spielen Düfte eine zentrale Rolle.

Leben wir mit einer oder mehreren Katzen zusammen, bringt jeder seinen eigenen Geruch mit. Dieser individuelle Geruch ist wie unser Personalausweis und besonders intensiv an Schwanzwurzel, Oberlippe, Wangen und Kinn – dort haben wir viele Talgdrüsen. Wenn wir uns gegenseitig putzen, Köpfchen geben oder dasselbe Spielzeug nutzen, mischt sich allmählich ein gemeinsamer Gruppenduft – unsere Sippen-Visitenkarte. Dieser Gruppengeruch stärkt die Bindung und prägt unser Miteinander. Bei unserer Duftverbreitung machen wir auch keinen Halt vor Gegenständen, anderen Lebewesen und Menschen in unserer Wohnung oder unserem Haus.

Problematisch wird es, wenn unser Gruppengeruch verfälscht oder überlagert wird. Dann nehmen wir Mitbewohnerkatze plötzlich nicht mehr als Sippe wahr, sondern als fremden Eindringling. Das passiert zum Beispiel, wenn eine Samtpfote frisch vom Tierarzt kommt und nach Desinfektionsmitteln, Medikamenten und anderen Düften riecht. Für uns Daheimgebliebene kann dieser neue Geruch Unsicherheit, Angst und Abwehrreaktionen auslösen.
Warum ist das so? Das erkläre ich euch gerne.

Warum ist das so? Das erkläre ich euch gerne.


Wir lernen uns über Gerüche kennen
Bevor wir uns physisch begegnen, nehmen wir uns oft über Gerüche wahr – und das kann Stress bedeuten. Am Geruch erkennen wir, ob es eine vertraute oder fremde Katze ist. Darum ist es wichtig, den Geruch einer neuen Katze – egal ob erwachsen oder Kitten – langsam in unsere vertraute Umgebung einzuführen. Insbesondere bei Vergesellschaftung ist der Geruchsaustausch entscheidend.

Unser Territorialverhalten
Wir sind territorial und markieren unser Revier mit unserem Duft. Tritt plötzlich ein neuer Geruch auf, könnte ein Eindringling unser Revier bedrohen.

Unser Wohlfühlbefinden
Wir lieben Gewohnheiten. Ein vertrauter Geruch beruhigt uns, eine plötzliche Duftänderung – etwa einer neuen Katze oder einer Katze vom Tierarzt – kann Stress auslösen.

Positive Verknüpfung
Fremde Gerüche, die Stress, Angst oder Unbehagen erzeugen, können auch positiv verknüpft werden. Unser Personal kann Duftkontraste mit angenehmen Erfahrungen verbinden – wenn wir zum Beispiel an einem Tuch riechen, das nach der anderen Katze riecht und dann mit einem Leckerli belohnt werden. Diese positive Verknüpfung hilft uns, dass wir den Geruch der anderen Katze mit etwas Angenehmem in Verbindung bringen.

Geruchsmanagment im Alltag

Beim Tierarztbesuch
Idealerweise nimmt unser Personal alle Samtpfoten gleichzeitig mit zum Tierarzt. Damit wird das Streitrisiko nach dem Tierarzt auf ein Minimum gesenkt und für den „Patienten“ wird, der der Tierarztbesuch stressfreier da die Nähe der vertrauten Katze den Patienten beruhigt. Ist diese Möglichkeit nicht gegeben, sollte man den Patienten nach dem Tierarztbesuch zuerst einmal in ein separates Zimmer lassen. Anschließend nimmt man ein getragenes T-Shirt, eine Socke oder Tuch und reibt dieses Tuch sanft an die Wangen, den Kopf und am Kinn der Samtpfote, die zuhause bleiben musste.

Dann nimmt man das gerade genutzte Kleidungsstück und geht zu der Katze, die zurzeit in einem separaten Raum sitzt und reibt diese damit ab. Hat man mehr als 2 Katzen, muss mit allen Katzen so verfahren werden. Unser Personal kann auch Decken oder Bettchen, auf denen wir gerne liegen mit in den Raum des „Patienten“ legen. So kann er langsam den Duft der Sippe wieder annehmen und wird seinen Tierarztgeruch los.

Wichtig: Nach einer Narkose darf der Geruchs­austausch erst stattfinden, wenn der „Patient“ wach ist, wieder läuft, isst und trinkt.

Vergesellschaftung
Manchmal kommen neue Katzen in die Familie und nicht alle Altsamtpfoten sind darüber von Anfang an begeistert. Auch hier ist die schrittweise Annäherung über Gerüche der Schlüssel zu einer erfolgreichen Vergesellschaftung.

Indem unser Personal den Geruch des Neuankömmlings langsam einführt, können territoriale Konflikte reduziert werden. Idealerweise bekommt der Neuankömmling einen separaten Raum, damit können sich alle Katzen langsam an die Anwesenheit der anderen Samtpfoten gewöhnen, ohne sofort in direktem Kontakt zu stehen. Anschließend beginnt unser Personal damit mehrmals am Tag Decken, Bettchen oder Spielzeuge zu tauschen, sodass bereits jeder von uns den Geruch der anderen wahrnimmt, ohne dass wir uns direkt begegnen. Dieser Geruchstausch hilft uns dabei, dass wir den Geruch der anderen Katze als weniger bedrohlich zu empfinden und wir ihn langsam akzeptieren.

Sobald wir den neuen Katzengeruch akzeptiert haben, dürfen wir uns das erste Mal sehen. Je nach Charakter der Katze kann der erste Kontakt durch ein Gitter voneinander getrennt erfolgen. Wenn dieser Kontakt erfolgreich verlaufen ist, öffnet unser Personal die Tür – wichtig dabei ist, dass jeder von uns einen eigenen Rückzugsort hat.

Eine Vergesellschaftung ist immer so eine kleine Herausforderung. Bei einigen von uns geht es richtig schnell, andere haben da so ihre Probleme mit. Je langsamer wir uns an den neuen Geruch gewöhnen dürfen, umso stressfreier verläuft die Zusammenführung.

Wichtige Faktoren bei der Vergesellschaftung sind: der Charakter, das Alter, die Ressourcen im „Revier“ – der Wohnung oder dem Haus und das Verhalten unseres Personals. Wichtig: es gibt bei uns Samptpfoten KEINEN Welpenschutz und nicht immer ist es eine gute Idee ein junges Kätzchen mit einer älteren Katze zu vergesellschaften. Ältere Katzen können sich von jungen, verspielten Kitten genervt und gestresst fühlen. Was dann zu Abwehrverhalten und Aggression führen kann.

MEIN FAZIT:

Wir haben 50–80 Millionen Riechzellen – ja, wir sind olfaktorische Superhelden! Unser Geruch ist unsere Visitenkarte und unser wichtigstes Kommunikationsinstrument. Richtiges Geruchsmanagement ist mein Geheimtipp beim Tierarztbesuch und beim Zusammenführen neuer Mitbewohner.

© Oberes Beitragsbild: iStock, maximkabb – Tammy erklärt

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